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Die unbewegten Beweger

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​Antrieb, dachte Dagny, als sie am Taggart-Firmensitz hinaufsah, Antrieb ist das, was es am meisten braucht. Durch Antriebskraft wird dieses Gebäude weiter bestehen; Bewegung verleiht ihm seine Standfestigkeit: nicht die in den Granitboden getriebenen Pfeiler, sondern die Lokomotiven, die kreuz und quer durchs Land rollen.

Sie fühlte einen undefinierbaren Anflug von Sorge. Sie kam zurück von einem Besuch bei den Vereinigten Lokomotiven-Werken in New Jersey, mit deren Präsidenten sie persönlich verhandelt hatte. Es war nichts dabei herausgekommen: weder hatte sie konkrete Gründe für die Lieferschwierigkeiten erfahren, noch einen Termin bekommen, wann die Diesel-Loks endlich in Produktion gingen. Der Direktor der Werke hatte zwei Stunden mit ihr geredet. Aber nichts, was er gesagt hatte, beantwortete auch nur eine ihrer Fragen. Ihr schlug eine vorwurfsvolle Herablassung entgegen, wann immer sie versuchte, spezifische Auskünfte zu bekommen, als würde sie sich schlecht benehmen und mit ihren Fragen eine ungeschriebene Verhaltensregel verletzen.

Auf dem Weg durch das Werk hatte sie in der Ecke eines Hofes einenriesigen Apparat gesehen. Es war einmal eine teure Werkzeugmaschine gewesen, eine Maschine, die es heute nirgendwo mehr zu kaufen gab. Sie war nicht abgenutzt, man hatte sie einfach verrotten lassen. Sie rostete in Lachen alten Öls vor sich hin. Sie hatte den Blick abwenden müssen. Ein Anblick dieser Art machte sie sinnlos wütend. Sie hätte diese Wut nicht genau beschreiben können, es war als drehe sich ihr der Magen um angesichts dieser Ungerechtigkeit, die viel mehr beinhaltete als die Vernachlässigung eines wichtigen Produktionsmittels.

Ihr Mitarbeiterstab war schon nach Hause gegangen, als sie ihr Vorzimmer betrat, aber Eddie Willers wartete noch auf sie. Sie sah ihm sofort an, dass etwas passiert sein musste – an seinem Blick und der Art, wie er sofort hinter ihr her in ihr Büro kam.

„Was ist los, Eddie?"

„McNamara hat dicht gemacht."

Sie sah ihn verständnislos an. „Was soll das heißen, dicht gemacht?"

„Aufgegeben. Ruhestand. Das Geschäft eingestellt."

„McNamara, unser Streckenbauer?"

„Ja."

„Das ist unmöglich."

„Es ist aber so."

„Was ist passiert? Warum?"

Sie nahm sich absichtlich Zeit, knöpfte ihren Mantel auf, setzte sich hinter den Schreibtisch und begann die Handschuhe auszuziehen. Dann sagte sie: „Erzähl von Anfang an, Eddie. Setz dich."

Er sprach unaufgeregt, aber er blieb stehen. „Ich habe mit seinem Chefingenieur telefoniert. Der Chefingenieur hat uns aus Cleveland angerufen, um uns Bescheid zu geben. Das ist alles, was er sagen konnte. Sonst wusste er auch nichts."

„Was hat er denn gesagt?"

„Dass McNamara das Geschäft eingestellt hat und gegangen ist."

„Wohin?"

„Das wusste er nicht. Niemand weiß etwas."

Sie merkte, dass sie den einen Handschuh nur halb ausgezogen zwischen den Fingern hielt. Sie zog ihn aus und warf ihn auf den Schreibtisch.

Eddie fuhr fort: „Seine Auftragsbücher waren voll, als er seinen Laden dicht gemacht hat, Aufträge im Wert von Millionen. Frühestens in drei Jahren hätte er neue Kunden annehmen können…" Sie sagte nichts. Er senkte seine Stimme. „Es würde mich nicht so schockieren, wenn ich es verstehen könnte… Aber eine Sache, für die es keinen vernünftigen Grund gibt..." Sie blieb stumm. „Er war der beste Streckenbauer im Land."

Sie sahen einander an. Was sie sagen wollte, war: „Mein Gott, Eddie!" Stattdessen antwortete sie mit ruhiger Stimme: „Mach dir keine Sorgen, Eddie. Wir werden einen neuen Bauunternehmer für die Rio Norte Strecke finden."

Als sie das Büro verließ, war es spät geworden. Auf dem Bürgersteig vor dem Gebäude blieb sie stehen und sah die Straße entlang. Sie fühlte sich plötzlich leer, antriebslos, als ob ihr Motor eine Panne habe und stehengeblieben sei.

Hinter den Hochhaus-Silhouetten glänzte am Nachthimmel die Reflektion der unsichtbaren Lichter von endlosen Fensterreihen, der elektrische Atem der City. Sie brauchte eine Pause. Eine Pause, dachte sie, und etwas, was mir Freude macht.

Ihre Arbeit war alles, was sie hatte, und was sie wollte. Aber es gab Zeiten, wie in dieser Nacht, in denen sie plötzlich diese gewisse Leere spürte, die eigentlich keine Leere war, sondern Stille, keine Verzweiflung, sondern Stillstand, nicht, als wäre etwas in ihr zerbrochen, sondern einfach die Uhr stehengeblieben. Dann wünschte sie sich, einen Moment des Vergnügens im Außen zu erleben, einfach nur etwas Großartiges zu sehen oder zu hören. Nicht etwas zu tun, sondern es anzunehmen; nichts anzufangen, sondern nur auf etwas zu reagieren; nichts zu erschaffen, sondern nur zu bewundern. Ich brauche das, damit ich weiter machen kann, sagte sie sich, denn Freude ist mein Treibstoff.

Sie war immer – und bei dem Gedanken schloss sie amüsiert die Augen und lächelte – der Motor ihrer eigenen Glücksgefühle gewesen. Aber manchmal wollte sie sich auch von der Leistung eines Anderen mitziehen lassen. So wie die Menschen auf einer dunklen Prärie sich am Anblick der erleuchteten Fenster eines vorbeifahrenden Zuges erfreuten, weil ihnen das in der meilenweiten Leere der Nacht ein Gefühl von Willenskraft und Zuversicht vermittelte – so wollte sie etwas sehen, dem sie zuwinken konnte: Jemand ist unterwegs irgendwo hin…


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Das Ziel ist der freie Mensch - ein Podcast
Ich bin das Potential oder ich bin das Defizit
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Ich bin Uwe Albrecht

Nichts weiter als ein Suchender nach dem Sinn des Lebens. So wie wir alle.
Wenn ich auf mein Leben bisher zurückschaue, erkenne ich den großen Sinn aller Erfahrungen und Lebensgeschichten.

Alles hatte seinen Sinn. Denn wenn es den nicht hätte, wäre es ja überhaupt sinnlos, dass ich überhaupt existiere.
(So hat es Burkhardt Heim gesagt.)

Es ist mir eine Freude, meine Suche, Gedanken, Zweifel, Erkenntnisse, Freuden und Lebensschritte hier mit euch zu teilen.

Ich stehe hier nackt vor euch, denn zu verbergen habe ich nichts.

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